18. Bericht (Nov. 2007)

18. Bericht über die Arbeit für verlassene Kinder in Rumänien

Der Verein ,,Samariteanul Milos“ (Barmherziger Samariter) in Ghimbav/Weidenbach bei Brasov/Kronstadt in Siebenbürgen/Rumänien ist Heimat für drei Familien in zwei Häusern mit augenblicklich 17 Kindern, die teils von der Straße kamen, teils von ihren Eltern verlassen wurden.

Liebe Freunde und Unterstützer unserer Arbeit,

„Ja mei, i tät ja gern a bisserl kürzer treten. Aber wemma mal agfanga hat, no kimmt ma nimma so leicht aussi!“ Mit diesen Worten erläuterte mir ein Bayer sein Engagement für Zigeuner in Rumänien. Ich musste lachen, denn das trifft auch auf uns hier zu.

Vor 13 Jahren wurden der Verein gegründet und der Hof gekauft, und im Jahr darauf kamen die ersten Kinder zu uns. Wieviel hat sich seither ereignet! Schwieriges und Trauriges, Schönes und Ermutigendes. Doch bei alledem überwiegt die Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Treue Gottes, für Ihre Begleitung mit Gebeten, Vorschlägen, Einsätzen, Besuchen und Finanzen. Wir nahmen es nie als selbstverständlich, dass Gott uns durch Sie segnete!

Das Wichtigste in Kürze ­ ein Jahresrückblick:

Zum Jahresbeginn hatten wir 19 Kinder in zwei Häusern.

Die Kinder haben sich vorwiegend gut entwickelt. Die fünf pubertierenden Jugendlichen, die, auch bedingt durch unsere Abwesenheit aufgrund von Gottholds Erkrankung und Tod, etwas verwildert waren, haben sich wieder gut gefangen. Wer selber mit Jugendlichen dieses Alters zu tun hat, weiß um die Probleme. Die meisten Kinder leiden immer noch an ihrer schweren Vergangenheit, aber sie reden mit uns darüber. Alle gehen noch zur Schule, von der Sonderschule bis zum Lyzeum.

45 Kinder vom Block 14 in Codlea kommen weiter täglich zum Nachhilfeunterricht unter der Leitung einer von uns angestellten pensionierten Lehrerin. Sie bekommen ein Sandwich und Joghurt als Anreiz.

Sozial schwache Familien mit insgesamt etwa 30 Kindern und andere Bedürftige bekommen wöchentlich Lebensmittelpakete und andere Unterstützungen.

In Dumbravitsa wurde das Alphabetisierungsprogramm für Zigeunerkinder vom Schulamt übernommen. Nur noch besonders bedürftige Familien werden von uns unterstützt.

Wie in den vergangenen Jahren kamen wieder Jugendliche im Rahmen der Evangelischen Schülerarbeit im Rheinland zu uns und nahmen uns einige handwerkliche Arbeiten ab.

Katharina Hess und Daniel Deneu, Friedensdienstler, gingen nach ihrem hilfreichen Jahreseinsatz im August wieder nach Deutschland zurück. An ihrer Stelle kam Thomas Kirch zu uns, vielseitig einsetzbar und wie die beiden vorigen von allen sehr geschätzt.

Im Oktober bekamen wir vom Jugendamt Brasov anlässlich des 10-jährigen Bestehens ein Ehrendiplom für gute Zusammenarbeit, das auch ausdrücklich die Angestellten und Sponsoren erwähnt. Ich gebe diesen Dank mit Freude an Sie weiter.

Wir hatten viele Besuche aus Deutschland, die uns gut getan haben, denen ich mich der Arbeit wegen jedoch leider nicht immer so widmen konnte, wie ich das gerne getan hätte.

Zur allgemeinen Lage in Rumänien:

Noch sind die Folgen von Dürre und Überschwemmungen nicht überwunden, viele kleine und landwirtschaftliche Betriebe dürfen ihre Produkte nicht mehr frei verkaufen, weil sie die EU-Auflagen nicht erfüllen. Die Lebenshaltungskosten sind schneller gestiegen als die Löhne.
Strom- und Gaspreise haben deutsches Niveau. Bei vielen macht sich Frustration und Verzweiflung breit. Wer kann, geht ins Ausland und schickt Valuta nach Hause.

Die ADZ (Allgemeine Deutsche Zeitung) schätzt, dass neben den vielen anderen auch die Eltern von ca. 40.000 Kindern im Ausland arbeiten und ihre Kinder bei Verwandten oder alleine zu Hause lassen. In den beiden letzten Jahren wurden allein in den Geburtenkliniken 18.000 Babys zurückgelassen. Die Mütter waren meist unter 22 Jahren und arbeitslos.

Die Mehrheit der Bevölkerung kann bei den Preisen nicht mithalten. Es sind dies z.T. ganz normale Familien, vor allem aber kinderreiche Familien, Alte, Kranke und die Randsiedler Rumäniens, die Zigeuner.

Wohin gehen Ihre Spenden?

Mehr als die Hälfte wird für das Kinderheim ausgegeben: Gehälter, Lohnnebenkosten, Lebensmittel, Kleidung, Strom, Gas, Wasser, Ausbildung usw. Die Rückerstattung der Mehrwertsteuer entfällt seit dem 1. Januar. Der Ausbau des Dachstocks geht dem Ende zu. Die Einrichtung kam zum großen Teil gebraucht aus Deutschland. Was nicht unbedingt nötig ist, wird erst einmal gespart. Hausaufgabenhilfe und Schulspeisung für die Kinder vom Block 14 in Codlea sind weitere Kostenpunkte. Die Hälfte der Speisung wurde von der niederländischen Organisation EZRA und einer deutschen Sponsorin getragen. Last but not least unterstützen wir weiterhin einzelne Bedürftige und Familien unter anderem in Dumbravitsa.#

Unsere Kinder

Zur personellen Situation: Die Mütter unserer drei Gruppen haben jeweils zwei Mitarbeiterinnen und arbeiten im Schichtbetrieb. Alois Bogdan und Relu, Hausmeister und Schreiner, arbeiten in der Holzwerkstatt am Ausbau des Dachbodens und führen auch kleinere Aufträge außerhalb aus.
Geta Radu ist unsere Buchhalterin, Dan Bolen hat eine halbe Stelle als Psychologe, Cristina arbeitet als Sekretärin, bis Mihaela aus dem Mutterschaftsurlaub kommt.

Emmas Familie:

Emma und Dan leben mit ihren leiblichen Kindern Timo, Ruben und Matias und den vier angenommenen Kindern – Jonuts (18), Banu (18), Radu (17), und Roxana (16) – zusammen in der Casa Noua am anderen Ende des Dorfes. Die Kinder haben sich dank Emmas konsequenter Führung gut entwickelt, sind jedoch noch nicht fähig, auf eigenen Füßen zu stehen. Jonuts ist immer fröhlich und geht noch zur Berufsschule, zeitweise arbeitet er bei einer niederländischen Firma im Nachbarort. Banu hat dagegen immer noch viele Ängste. Er macht seine Koch- und Konditorlehre mit Freude und zeigt den anderen, wie man einen Tisch schön deckt, serviert und anrichtet. Radu hat sich gefangen, geht aufs Lyzeum und lernt gut. Roxana lernt das Friseurhandwerk und spielt fast professionell in einer Basketball-Mannschaft. Sie wird im Augenblick dauernd in Ausscheidungsspielen eingesetzt.

Sandas Familie:

Mit zehn Kindern, fünf davon in der Pubertät, war ihre Gruppe die wohl schwierigste. Die 20-jährige Corina ist vor kurzem zu ihrer Mutter, der 19-jährige Mihai zu seinem Vater gezogen. Wir helfen ihnen noch drei Monate finanziell, dann müssen sie alleine zurechtkommen. Die Beziehung zu ihnen ist noch immer eng, genauso geht es mit den älteren Kindern aus Emmas Gruppe. Sie kommen jede Woche bei uns vorbei. So bleiben noch Traian (18) und Alex (18), der wohl gegen Ende des Jahres geht, weil er sich einfach nicht einfügt und die Schule schwänzt. Mit David geht es momentan sehr gut. Die Mädchen, Mioara (17), Monica (15), Enikö (14) und Ana-Maria (11) machen gute Fortschritte. Sie sind offen und wir können über alles mit ihnen reden.

Noemis Familie:

Die Familie mit den fünf Joczi-Kindern hat sich unter Noemis guter Führung mehr und mehr stabilisiert. Cristina (11) und Reli (7) sind die Besten ihrer Klasse. Stefan (9) ist ein lebensfroher neugieriger Junge. Die Zwillinge Ildiko und Andrei (10) sind hyperaktiv und werden medikamentös behandelt. Beide haben es schwerer in der Schule. Die Gesundheit der Geschwister hat sich sehr gebessert und sie haben einen unwahrscheinlichen Appetit entwickelt.

Dieses Jahr gab es nicht wie sonst Ferienangebote für die Jugendlichen, zum einen wegen der Kosten, zum anderen, weil wir sie dazu bringen wollten, bei einer fremden Firma zu arbeiten. Sie sollten lernen, wie es außerhalb des Heimes zugeht. Sie taten es mit unterschiedlichem Erfolg. Jedenfalls haben alle etwas gelernt. Die Mehrzahl konnte ihren Arbeitsplatz halten und Geld auf das eigens für sie eingerichtete Konto bringen. Die meisten arbeiteten auf dem Bau. Corina bügelte acht Stunden täglich bei einer chemischen Reinigung.

Wir sind sehr dankbar, dass alle Mütter gute und loyale Mitarbeiterinnen haben, die mit ihnen am gleichen Strang ziehen.

Weitere Projekte

Familien- und Sozialhilfe:

Wir helfen mit Lebensmitteln und Kleidern, die Emma immer dienstags an Bedürftige verteilt. Zudem helfen wir auch mit Geld, das für besondere Familien von persönlichen Sponsoren aufgebracht wird. In zwei Fällen konnten wir auch mit Möbeln und Bettwäsche helfen. Bei Bedarf übernehmen wir den Kauf von Medikamenten auf Rezept, Arztkosten werden in Absprache mit dem Arzt übernommen. In seltenen Fällen, bei krassem Unrecht, beauftragen wir auch einen Anwalt. Wir kontrollieren die Situation über die örtlichen Rathäuser.

Das Schulprojekt in Codlea:

Dieses Jahr bekamen wir ein kleineres Klassenzimmer von der Schule. Frau Balu ist drei Monate in Italien, wo sie mehr Geld verdient. An ihrer Stelle arbeitet Frau Rusulets. Kamen früher ca. 45 Kinder, so waren es in der letzten Woche 60, was sie nicht verkraftete. Wir müssen uns auf die 45 Kinder vom Block 14 beschränken. Die Schule ist hart und noch sehr dem alten System verhaftet. Daher kommt die zusätzliche Hilfe gut an. Die Kinder kommen gerne, weil sie hier eine ruhige und freundliche Atmosphäre vorfinden. Im Vergleich dazu spielt sich zu Hause alles in einem Raum ab: die Eltern und bis zu acht Kinder wohnen, kochen, essen, schlafen, waschen sich, reden und streiten miteinander, der Fernseher läuft von morgens bis abends. Ein extremes Beispiel: Larisa P., ein stilles, unauffälliges Kind, lebt mit der Mutter, dem 4. Stiefvater und sechs Geschwistern in einem Zimmer. Die Situation ist gefährlich. Einer der Stiefväter verließ die Familie mit der 19-jährigen Schwester. Larisa ist trotz alledem eine ordentliche Schülerin und mit Hilfe von Frau Balu hat sie eine echte Chance, die Schule zu beenden.

Dumbravitsa:

Als Kinder sangen wir manchmal „Lustig ist das Zigeunerleben …“. Manche von Ihnen werden dieses Lied bestimmt kennen. Aber es ist kein lustiges Leben, wenn Sie die ernsten und alten Kindergesichter bei ihrem Ausflug ins Kloster sehen.

Das Schulamt übernahm den Alphabetisierungskurs für die Zigeunerkinder und hat eine Sozialarbeiterin eingesetzt. Deshalb wollten wir uns eigentlich zurückziehen, haben dann aber aufgrund der Not einiger extrem armer Familien zusammen mit der Leitung des Schweizer Kinderheims in Ghimbav beschlossen, unter Aufsicht der sachkundigen pensionierten Lehrerin die materielle Unterstützung fortzusetzen und uns die Kosten zu teilen.

Familie Mondoc-Motca hat mit unserer Hilfe ihr Häuschen verputzt bekommen. Der Brunnen ist eine große Hilfe und wird auch von den Nachbarn benutzt. Der Vater arbeitet in Italien, und wir hoffen, dass die Familie auf diese Weise sich langsam finanziell erholt. Wir helfen noch mit dem täglichen Brot und einem wöchentlichen Paket mit Lebensmitteln. Die Kinder gehen alle zur Schule.
Ich denke oft, womit habe ich verdient, dass ich so privilegiert aufgewachsen bin? Diese Menschen hier wurden einfach in eine Welt hineingestoßen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Wie wenig können wir für sie tun! Und doch ist das Wenige schon der Samen für eine Ernte, die wir noch nicht sehen können. Mein Wunsch ist, dass Gott Ihre Gaben vervielfältigt und Sie dafür segnet.

So wünschen wir Ihnen und Ihren Lieben ein schönes Fest und ein gutes und behütetes Neues Jahr 2008!

Ich bedanke mich im Namen der Kinder und Mitarbeiter und aller Menschen, denen Sie helfen, sowie im Namen der Scheytt-Stiftung

gez. M. Scheytt

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